go analog

Analoge Astrofotografie Teil 1…

1995…wallendes bis an die Schulterblätter reichendes Haupthaar bedeckt noch die nun brach liegenden Felder. In meinem Disc-Man läuft „Digital ist besser“ von Tocotronic. Die Lautstärke ist bis zum Anschlag aufgedreht. Einer der ersten Frühlingstage. Ich lege den Film in meine LOMO und los…ein Dackel…click…eine alte Schaufensterpuppe…click…gelackte Herrenschuhe in schnellem Schritt…click…click…click…ich vergrabe meine Freundin am Strand*…click…der Sonnenuntergang…click…

*natürlich hat der Kopf noch herausgeschaut…ich bin kein Mörder!

Ich gehe in die Drogerie und sehe in den Beutel…ich bin gespannt…sehr gespannt…das Ergebnis ist meist ernüchternd…zu wenig belichtet, verwackelt, unscharf…alle 10 Bilder nur eines das geht…gute analoge Zeit!

Ich denke, dass wohl keine Disziplin der Fotografie in so hohem Maß von der „Digitalen Revolution“ profitieren konnte wie die Astrofotografie. Die heutige Astroszene hat sich längst von Versuch und Irrtum abhängig gemacht und nicht zuletzt deshalb ein beträchtliches Niveau erreicht. Allerlei Hacker halfen mit die Möglichkeiten ständig zu verbessern. Webcams wurden zu Planetenkameras und Spiegelreflexkameras bekamen ihre IR-Filter herausoperiert. Deep-Sky-Stacker und Fitswork traten traten auf den Plan und sie waren mächtige Hacks auf dem Weg zum ausgereiften Astrofoto.

Aber nicht nur qualitativ wurde gehackt. Früher war es üblich durch ein großes Leitrohr zu kontrollieren ob die Nachführmotoren so arbeiteten wie sie sollten. So etwas macht man heute nicht mehr…man lässt machen…

Gut nun…Niveau gesteigert…Komfort gesteigert…

…trotzdem haben die alten analogen Bilder das was digital niemals reproduzierbar sein wird…analogen Charme…

…also auf zum Selbstversuch:

Kann ich in der harten Welt der analogen Astrofotografie bestehen?

Wird auf meinen Bildern nur eine einzige Sache zu erkennen sein?

Mal sehen…hier die Regeln:

Kamera und Film sind Analog…

Es wird nur händisch geguidet…

Es wird nach dem Entwickeln nur eingescannt und nicht bearbeitet…

analog x (1 von 1)

Für mein Experiment habe ich mir das hier zugelegt. Eine analoge EOS 3000. Da passen meine Objektive und ich verfüge dadurch schon über etwas Erfahrung beim Scharfstellen. Außerdem habe ich die Kamera im Fünferpack um heiße 10 Euro ergattern können…das bedeutet, dass diese SLR hier 2 Euro gekostet hat. Eigentlich ist es aber sowieso Wahnsinn was man führ diese Dinger früher löhnen musste. Heute erzählt man uns, es sei der Sensor, der preislich anschlägt. Warum waren aber SLRs dann früher so teuer? War ja gar kein Sensor drinn… (eine kleine Fragestellung für Leute die denken, Preise hätten etwas mit dem Wert der Produkte zu tun…)

Ich habe mich für einen Schwarzweißfilm entschieden, weil es mir nicht möglich war, die speziellen Filme, die für die Astrofotografie empfohlen werden, aufzutreiben. Ich bleibe aber dran. Schwarzweißfilme sollen angeblich eine guten Empfindlichkeit haben.

Einer der Vorteile der analogen Astrofotografie ist, dass man aus der Kamera keine Filter ausbauen muss. Die wurden erst seit dem Einführen von Sensoren in den Kameras verbaut…

Hier nun die Bilder:

analog x (6 von 7)

Gürtel und Schwert des Orion…Belichtungszeit 4 Min…ISO 400, per Hand geguidet…Sigma 70-300mm APO…

analog x (1 von 7)

analog x (7 von 7)

Startrails…beim unteren Bild wurde offensichtlich mit der Entwickler-Flüssigkeit gepatzt…Canon 50mm

analog x (4 von 7)

Das Zentrum von M42…das Trapez aufgelöst…aufgenommen mit C8…

analog x (5 von 7)

Mond…aufgenommen mit C8…

analog x (3 von 7)

sonne (1 von 1)

Oben die Sonne anolog unten digital. Ich hätte gerne den kleinen Sonnenfleck zum Vorschein kommen lassen. Wie man sieht ist es nicht gelungen…

Tja…auch wenn es wohl schwer zu glauben ist…ich bin zufrieden!

Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass auf den Fotos tatsächlich etwas zu sehen sein würde und für meinen ersten Versuch ist das Ergebnis gar nicht schlecht. Bei den M42 Fotos hatte ich offensichtlich zu viel Angst zu stark zu belichten…da wäre viel mehr notwendig gewesen. Manuelles Guiding verläuft bei mir nicht ganz ohne Verwackeln, wie man sieht…aber immerhin sind es nur 4 von 36 Fotos auf denen gar nichts zu sehen ist…

Der Versuch hat sich wirklich ausgezahlt! Unsere Vorfahren haben wirklich gute Arbeit geleistet. Analoge Astrofotografie ist schwierig!

…ich mache weiter…neuen Film rein und in ein paar Monaten gibts dann Teil II…einen Film abzugeben und eine Woche zu warten…dann den Beutel voller Erwartung und Vorfreude zu öffnen…ist doch noch immer das Größte!

trash on!